Go-Getter – Die Flucht vor der Blauen Kartoffel
Niemand wusste mehr genau, wann die Musik aus der Galaxis zu verschwinden begann. Manche gaben Schwarzen Löchern die Schuld, andere den Bürokraten vom Orion-Sektor. Doch Eingeweihte kannten die Wahrheit: Irgendwo zwischen den Sternen jagte ein Schiff jede Melodie, jeden Groove und jede Improvisation.
Sein Name war Die Blaue Kartoffel.
Ein Raumschiff ohne Taktgefühl, ohne Harmonie, ohne Seele. Seine Waffen waren monotone Signaltöne und tödlich schlechte Playlists. Wo es auftauchte, verstimmten sich Gitarren von selbst und Metronome gaben entnervt auf.
Doch es gab Hoffnung.
An Bord des Musikraumschiffs Go-Getter stand Spacecaptain Ramiro an der Brücke. Songwriter, Gitarrist und Navigator zwischen den Sternbildern der Harmonie. Mit seiner Gitarre konnte er Gravitationswellen in Akkordfolgen verwandeln und ganze Sternennebel mit einem einzigen Refrain beruhigen. Man sagte, sein Plektrum sei aus einem Fragment des ersten Kometen geschnitzt worden, der jemals gesungen hatte.
Zu seiner Crew gehörte Wulf, Schiffsarzt und Keyboarder. Seine Diagnosen waren ebenso präzise wie seine sphärischen Synthesizerflächen. Er heilte gebrochene Knochen mit Medizin – und gebrochene Seelen mit perfekt gesetzten Mollseptakkorden. Manche behaupteten, er könne Gedanken hören. Wulf selbst nannte es einfach "gutes Zuhören".
Am Bass stand Arndt, dessen Ruf bis zum legendären Bassplaneten reichte. Dort wurde er nicht bloß bewundert – dort wurde er verehrt. Riesige Tempel waren nach seinen Basslinien benannt, und einmal im Jahr stimmten Milliarden Bewohner gleichzeitig ein tiefes E an, um ihm Respekt zu zollen. Seine Bassläufe konnten Asteroiden aus ihrer Umlaufbahn schieben.
Hinter dem Schlagzeug saß Jörg. Eigentlich hätte er längst auf seinem Heimatmond sein müssen. Dort wartete ein uralter Tempel der Ältesten, dessen rhythmische Säulen das Gleichgewicht der Zeit bewahrten. Doch solange die Blaue Kartoffel die Galaxis bedrohte, musste der Tempel warten. Denn Jörg wusste: Ohne Rhythmus würde auch der Tempel eines Tages verstummen.
Und schließlich war da Pape, offizieller Rhythmus-Wissenschaftler der Go-Getter. Seine Mission war ebenso verrückt wie ehrenhaft: Er wollte jedes Percussion-Instrument der bekannten Galaxis sammeln. Von Quasar-Bongos über Meteoritenschellen bis hin zu den legendären Antimaterie-Congas fehlten ihm nur noch wenige Stücke. Seine Kabine sah aus wie ein Museum, das jederzeit anfangen konnte zu tanzen.
Seit Monaten wurden sie verfolgt.
Immer wieder tauchte hinter ihnen die finstere Silhouette der Blauen Kartoffel auf. Lautlos. Bedrohlich. Völlig unmusikalisch.
"Captain!", rief Pape eines Tages. "Sie kommen näher. Ihre Anti-Groove-Kanonen laden."
Ramiro grinste.
"Dann bleibt uns nur eines."
Er griff zur Gitarre.
Arndt ließ den Bass grollen, so tief, dass ganze Sternbilder mitzuschwingen begannen. Jörg setzte einen Rhythmus darunter, der selbst die Zeit für einen Augenblick aus dem Takt brachte. Wulf legte einen mächtigen Keyboardteppich darüber, dessen Harmonien durch den Hyperraum schimmerten. Pape ergänzte das Ganze mit einem wilden Percussion-Solo aus Instrumenten von zwölf verschiedenen Planeten.
Die Go-Getter vibrierte.
Ihre Triebwerke reagierten nicht auf Treibstoff – sondern auf Musik.
Mit jedem Takt wurde sie schneller.
Mit jedem Refrain heller.
Mit jedem Solo weiter.
Die Blaue Kartoffel versuchte verzweifelt zu folgen. Doch ihre Computer konnten weder Swing berechnen noch Funk verstehen. Schließlich geriet sie aus dem Takt, trudelte hilflos durch einen Nebel aus Sternenstaub und verschwand in der lautlosen Dunkelheit des Alls.
Bis heute erzählt man sich, dass irgendwo zwischen den Galaxien noch immer eine Gitarre erklingt.
Und wenn man ganz genau hinhört, hört man eine Stimme über den Bordfunk sagen:
"Sternzeit Alpha Sulu Mixolydisch Kreuz 9, hier spricht Captain Ramiro von der Go-Getter. Solange es Musik gibt, wird die Blaue Kartoffel niemals gewinnen."
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